17. März 2018

Die Welt

Ich, einfach verbesserlich

Larry Smarr hat einen digitalisierten Körper, er vermisst seinen Darm, seinen Blutdruck, seine Hormone. Er plante sogar seine eigene Operation. Heute hat er weltweit Jünger, die sich penibel selbst überwachen.

Von Katja Ridderbusch

Irgendetwas piept, summt oder brummt eigentlich immer an Larry Smarr. Unter der Haut trägt der 69-Jährige einen Sensor, der ständig seinen Blutzuckerspiegel aufzeichnet. Ein Fitbit misst Puls, Blutdruck und Aktivitätspegel. Ein anderes Armband überwacht seinen Schlaf: Einschlafphase, Tiefschlafphase, Traum- oder REM-Schlaf. Ein Sensor am Handgelenk erfasst seine arterielle Sauerstoffsättigung.
Jeden Morgen stellt sich Smarr auf eine digitale Waage, die sein Gewicht ins Internet funkt. Er nimmt eine Stuhlprobe, friert sie ein und bringt sie nach ein paar Tagen zusammen mit weiteren Proben ins Labor. Bevor er etwas isst, gibt er die Zutaten seiner Mahlzeiten in eine Smartphone-App ein, die daraus seine Nährstoffzufuhr errechnet. Und dann macht er seine Ergebnisse öffentlich, alles im Dienst der Wissenschaft, wie er sagt.
Larry Smarr blickt freundlich und aufmerksam durch seine randlose Brille. Schon als Junge in einer Kleinstadt im Mittleren Westen der USA legte er ein Logbuch mit Frequenzen und Rufzeichen aller Radiostationen des Landes an. Daten hätten ihn schon immer gefesselt, sagt er. Heute ist er Forscher, Erfinder und Gründungsdirektor des California Institute for Telecommunications and Information Technology, kurz: Calit2. Und das Gesicht eines Trends, der sich weltweit immer mehr verbreitet: das Sammeln, Analysieren und Auswerten persönlicher Gesundheitsdaten mithilfe von digitaler Technologie. Das Ziel dieser sogenannten Quantified-Self-Bewegung ist die Optimierung des eigenen Körpers. Auch in Deutschland findet sie immer mehr Anhänger.
Smarr gibt TED-Talks und Interviews über die Erkenntnisse seines Self-Tracking, schreibt Gastbeiträge in Fachpublikationen und Publikumsmedien. Dabei ist er eigentlich Astrophysiker, forschte in Princeton, Yale und Harvard zu Schwarzen Löchern. Zur digitalen personalisierten Medizin brachte Smarr vor 18 Jahren ein Schlüsselerlebnis. Der Forscher hatte einen Ruf an die Universität von Kalifornien in San Diego erhalten. Im Süden Kaliforniens angekommen, fiel Smarr als Erstes die unterschiedliche Lebensweise seiner Mitmenschen auf. Er kam aus dem Mittleren Westen, dem „Epizentrum der Fettleibigkeit“, wie er es nennt, in eine Region, in der die Menschen überwiegend fit und gesundheitsbewusst lebten.
Auch Smarr war damals übergewichtig, 93 Kilo brachte er auf die Waage. Er wurde neugierig: Was machten all die schlanken, gesund aussehenden Menschen um ihn herum anders? Und was musste er tun, um wie sie zu werden? Smarr stellte seine Ernährung um und heuerte einen Fitnesstrainer an. Dann ließ er sein Blut und seinen Stuhl untersuchen, regelmäßig und detailliert. Ließ seine DNA auf genetische Mutationen testen. Legte sich ein Fitnessarmband zu. Und fing an, seine ersten persönlichen Gesundheitsdaten zu sammeln. Und er nahm 15 Kilo ab.
Seine systematische Selbstanalyse zeigte ihm schließlich, dass er unter Morbus Crohn leidet, einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung. Im Nachhinein bestätigten Ärzte die Diagnose. Smarr entwickelte daraufhin mit seinem Team ein computergestütztes 3-D-Modell seines Darms, das nahezu in Echtzeit die neuesten Daten seines Körpers einspeist und sich ständig selbst aktualisiert. Als eine Operation seines Dickdarms nötig war, plante und steuerte er den Prozess.
Smarrs Selbstvermessung ist längst zu einem Forschungsprojekt geworden. Regelmäßig führt er Ingenieure, Mediziner und andere Patienten durch die Dunkelkammer seines Instituts, in der virtuelle Modelle seiner Innereien in schillernden Farben leuchten.
Hat er sich eigentlich irgendwann einmal unwohl dabei gefühlt, seine persönlichen Daten so offen mit der Welt zu teilen? Smarr zögert kurz. Nein, sagt er dann, nie. Er sieht sich als jemand, der in der Zukunft der Medizin lebt und von dort aus in die Gegenwart berichtet. „Es gibt keine wichtigere Investition als die in die eigene Gesundheit“, das sei seine Botschaft.
Wer sich in Sicherheit wiege, weil er einmal im Jahr zu seinem Hausarzt gehe, der sei naiv, sagt Smarr. Mit moderner Technologie könne stattdessen jeder Verantwortung und die Kontrolle über seinen eigenen Körper übernehmen, sagt er. Dann piept sein Fitbit. Zeit für eine Runde Bewegung.
Smarr weiß, dass er mit all seinen Selbstanalysen privilegiert ist. Die meisten Menschen haben weder die technischen noch finanziellen Möglichkeiten, ihren Körper so präzise zu durchleuchten, wie es bei ihm passiert. Doch das sei auch gar nicht nachahmenswert. Smarr kennt die Fallstricke der Selbstvermessung: Was, wenn seine Gesundheitsdaten im Internet gehackt werden? Was passiert, wenn sie in falsche Hände gelangen? Und dann ist da noch die Sache mit der Sucht nach immer besseren Werten, mit der Obsession zur Selbstoptimierung. Es sind die beiden größten Kritikpunkte an der Quantified-Self-Bewegung. Smarr versteht sich stattdessen als ein Modell für den Patienten der Zukunft, wenn die Selbstvermessung einfacher und billiger sein wird. In fünf oder zehn Jahren vielleicht, schätzt er.
In diesem Alltag der nahen Zukunft könnte das Smartphone zum Knotenpunkt für Gesundheitsdaten werden, zum persönlichen Gesundheitsassistenten. Menschen könnten ihren genetischen Code und ihre gesamte Patientenakte im Internet speichern, abrufen und teilen. Glukosemesser wären so klein und diskret wie ein Pflaster. Tracking-Bänder mit drahtlosen Sensoren könnten dann Vitalfunktionen messen, Puls, Blutdruck, Körpertemperatur, Atemfrequenz. Wichen die Daten von den persönlichen Normalwerten ab, sendet das Gerät eine Notiz direkt an den Arzt, oder es meldet sich ein virtueller Gesundheitscoach beim Nutzer.
Darrell West blickt optimistisch in diese Zukunft. Durch die Fortschritte in der digitalen, mobilen und personalisierten Medizin werden Menschen dann Probleme in ihrem Körper erkennen können, bevor sie zu einer Krise werden, sagt er. West ist Politikwissenschaftler und Technologieexperte bei der Brookings Institution, einem Thinktank in Washington, D.C.
Die digitale Selbstvermessung werde das amerikanische Gesundheitssystem komplett verändern, glaubt er. Auf Krankheiten wird man dann nicht erst reagieren, wenn sie auftreten. Stattdessen wird es alltäglich sein, ihnen vorzubeugen und Risikofaktoren schnell zu erkennen.
Die größte Hürde zu diesem Szenario sieht West in den derzeitigen Verschreibungsrichtlinien in den USA. Neue Technologien würden nur zögerlich von den Krankenkassen anerkannt, sagt er. Die Kassen wollen Langzeitstudien sehen, Beweise, dass die Methoden etwas bewirken. Solche langen Beobachtungsreihen können neue Technologien jedoch noch nicht liefern. Und auch die aktuellen Gesetze zum Schutz von Patientendaten bremsen die Einführung der digitalen Gesundheitstechnologie. Der Austausch von personenbezogenen medizinischen Daten ist in den USA wie auch in Europa streng reguliert.
Und dann wäre da noch die Frage nach der Haftung im Fall eines Schadens, sagt West, besonders in den USA, wo die Menschen schnell eine Klage vor Gericht anstreben. Heute trägt bei einer Operation traditionell der leitende Chirurg die juristische Verantwortung. Doch inwiefern sind die Hersteller von Sensoren und Analysegeräten haftbar, wenn sie von dem Patienten genutzt werden? „Oder was passiert“, spekuliert West, „wenn Computerwissenschaftler an einer Operation beteiligt sind und etwas schiefläuft?“
Wie so eine Operation der Zukunft aussehen könnte, hat der Selbstvermessungspionier Larry Smarr bereits demonstriert. Ende November 2016 ließ er sich in der Universitätsklinik in San Diego von einer Chirurgin unter seiner Anweisung 20 Zentimeter aus seinem entzündeten und aufgequollenen Dickdarm schneiden. Dichtes Gedränge herrschte damals im OP-Saal, Ärzte, Helfer, Techniker und eine Videocrew der Pressestelle waren anwesend. Über Smarr hingen die weißen Greifarme des Operationsroboters DaVinci, in dessen Speicher ein Team von Computerwissenschaftlern das dreidimensionale Modell von Smarrs Darm einspeisten.
Schon heute kommen 3-D-Simulationen von Organen bei komplexen Gehirn- und Herzoperationen zum Einsatz. Bei beweglichen Organen wie dem Darm sind sie jedoch selten. Dabei seien die dafür notwendigen Daten in der Regel vorhanden, sagt Smarr. Bei der Diagnostik werden mittels Magnetresonanztomografie (MRT) mehrere Hundert digitale Schnittbilder von einem Organ erzeugt, das ist ein Standardverfahren. Diese Bilder können in ein virtuelles Modell umgewandelt werden, mit einer Software, die etwa 200 Dollar kostet.
Der Grund für das Zögern seien jedoch weder die Kosten noch die verfügbare Technologie, sagt Smarr. Sondern die Ärzte selbst: Sie wollen die Risiken einer Operation so gering wie möglich halten. Deshalb laufen Operationen nach einer präzise eingeübten, detailliert getakteten, Tausende von Malen praktizierten Choreografie ab. Da setzt sich jede Änderung des Arbeits- und Informationsflusses nur langsam durch. Und auch in der Ausbildung von Ärzten ist der Einsatz von digitalen Technologien bis heute kein Schwerpunkt.
Doch Smarr ist davon überzeugt, dass sich das ändern wird. Er erinnert an die ersten roboterassistierten Operationen in den 80er-Jahren, bei denen es ebenso Skepsis gegeben habe. Heute kommen solche Roboter weltweit in modernen Operationssälen zum Einsatz. In Zukunft würden Ärzte und Computerwissenschaftler eng zusammenarbeiten, meint Smarr.
Für seine Darmoperation vor zwei Jahren fand er eine Chirurgin, die seine Begeisterung für neue Technologien teilte. Sonia Ramamoorthy stammt aus einer Ingenieurfamilie und freute sich auf den Eingriff. Es sei großartig gewesen, mithilfe der 3-D-Simulation zu operieren, sagte sie anschließend. „Ungefähr so wie das Autofahren vor und nach Google Maps.“
Gemeinsam bereiteten sich Ärztin und Patient auf die Operation vor. Smarr führte die Chirurgin in einem aktuellen dreidimensionalen Abbild seines Darms durch dessen verschlungene Windungen. Er zeigte ihr Auffälligkeiten, die eine Herausforderung sein könnten: An einer Stelle war das Organ mit der Milz verwachsen. „Das ist die Besonderheit meiner persönlichen Anatomie“, sagt Smarr. Zweidimensionale bildgebende Verfahren hätten die Verwachsungen vermutlich nicht angezeigt, und die Chirurgin hätte während des Eingriffs umplanen müssen.
Weil Smarr die Operation so detailliert vorbereiten konnte, verkürzte sich ihre Dauer um mindestens eine Stunde, schätzte die Chirurgin. Das verringerte auch das Risiko für spätere Komplikationen. Und so konnte Smarr das Krankenhaus bereits nach vier Tagen verlassen. Zwei Wochen später lief er schon wieder acht Kilometer am Tag. 10.000 Schritte, wie sein Fitbit vermeldete.


© WeltN24 / Katja Ridderbusch