9. April 2018

 

Die Welt

Trumps Drogen-Dilemma

Die USA werden von Heroin und synthetischen Opioiden überschwemmt. Die Drogenflut lässt der US-Regierung keine Wahl. Sie muss mit zwei Ländern kooperieren, die der Präsident zu Gegnern erklärt hat: Mexiko und China.

Von Katja Ridderbusch

Atlanta - Die Zahl ist erschreckend hoch: 64.000 Menschen starben im Jahr 2016 an einer Drogenüberdosis in den USA. Die meisten waren abhängig von Opioiden – morphinhaltigen Schmerzmitteln, Heroin oder synthetischen Substanzen. Die Vereinigen Staaten stellen gut vier Prozent der Weltbevölkerung und verbrauchen 30 Prozent aller Opioide.
Die Opferzahlen steigen Jahr für Jahr, und ein Ende der Drogenepidemie ist nicht in Sicht. Die größte Chance für eine Eindämmung der Krise liegt US-Drogenexperten zufolge in einer Kooperation mit Mexiko und China. Das sind die Länder, aus denen die meisten illegalen Opioide nach Nordamerika kommen. Und die Länder, die zu den aktuellen Lieblingsfeinden von US-Präsident Donald Trump zählen. Die Grenze zu Mexiko will der Staatschef mit einer Mauer sichern, mit China befinden sich die USA in einem erbitterten Handelsstreit.
„Tatsächlich arbeiten wir eng mit Mexiko und China zusammen“, sagt James A. Walsh, Chef der Drogenkontrollabteilung im US-Außenministerium, im Gespräch mit WELT. Die Anti-Drogen-Diplomatie besteht aus Informations-, Daten- und Expertenaustausch, juristischer Beratung sowie finanzieller, technischer und logistischer Unterstützung.
Die Opioid-Krise der USA begann als ein hausgemachtes Problem. In den 90er-Jahren legten mehrere US-Gesundheitsbehörden Schmerz als fünften Vitalparameter fest – neben Blutdruck, Puls, Körpertemperatur und Atmung. Die Folge war ein medizinischer, aber auch soziokultureller Paradigmenwechsel. Bis dahin kamen opioidhaltige Schmerzmittel nur nach Operationen, bei schweren Krebsleiden oder in der Palliativmedizin zum Einsatz. Doch nun verschrieben Ärzte die Medikamente freizügiger, und Patienten forderten sie selbstbewusster ein.
Für die Pharmaindustrie war das vor allem: ein neuer und riesiger Markt. In aggressiven Marketingkampagnen pries sie Schmerzmittel wie Oxycontin und Hydrocodon an. Die Neubewertung von Schmerz, die großzügige Verschreibungspraxis und die im Vergleich zu Europa laxe staatliche Regulierung von Pharmaherstellern und Großhändlern „waren ein perfekter Sturm“, sagt Walsh.
Die Schmerzmittelsucht beförderte auch eine neue Welle der Abhängigkeit von Heroin und von synthetisch hergestellten Opioiden. Vor fünf Jahren seien verschreibungspflichtige Medikamente noch der treibende Faktor der Opioid-Epidemie gewesen, sagt Walsh, der früher als Hubschrauberpilot für die US-Armee Einsätze in aller Welt flog. Heute seien es vor allem synthetische Opioide. Die steigende Nachfrage kurbelte die Produktion der illegalen Drogen an – und zwar vor allem außerhalb der USA. „Wir versuchen, die globalen Nachschubwege zu unterbrechen, die Quellen auszuheben, die Netzwerke zu zerschlagen.“
Mehr als 90 Prozent des Heroins, das auf den US-Markt strömt, kommt aus Mexiko. Eine Handvoll mächtiger Kartelle kontrolliert den Großteil des illegalen Handels, der über die Grenzen zu Kalifornien und Arizona abgewickelt wird. Der Großteil der synthetischen Opioide wird in China hergestellt, vor allem das Narkosemittel Fentanyl und Fentanyl-Derivate, sowie Carfentanyl, ursprünglich ein Betäubungsmittel für Elefanten, Bären und andere Wildtiere.
„Insbesondere bei synthetischen Opioiden sehen wir ein neues Paradigma im globalen Drogenhandel“, sagt Walsh. Bestellungen werden direkt über das Internet und immer öfter über das Darknet abgewickelt. Die Opioide, häufig vermischt mit Heroin, Kokain oder Metamphetaminen (auch bekannt als Crystal Meth) werden mit der regulären Post oder über Expresszusteller in kleinen Sendungen in die USA geschickt. „Drogenfahnder sind noch immer darauf gepolt, große Ladungen von Marihuana, Kokain oder Heroin auf Schiffen, Lastwagen oder auch Maultieren zu beschlagnahmen“, sagt der US-Beamte.
Bezahlt wird im Drogenhandel mit Kryptowährungen wie dem Bitcoin, also außerhalb des traditionellen Bankensystems. Diese neue Form des globalen Handels sorge dafür, dass das Opioidproblem längst kein rein amerikanisches mehr sei, betont Walsh. „Jedes Land, in dem Drogenabhängige leben, in dem Menschen Zugang zum Internet haben und in dem es einen Zustelldienst gibt, ist potenziell gefährdet.“
So verzeichnet Großbritannien bereits heute die größte Zahl von Herointoten in Europa. 2017 konfiszierten Drogenfahnder mehr mit Fentanyl versetztes Heroin als je zuvor. In Deutschland hat die Zahl der Verschreibungen von opioidhaltigen Schmerzmitteln in den vergangenen Jahren zugenommen. Auch die Nachfrage nach illegalen Opioiden könnte künftig ansteigen, vermuten Experten. Schon gibt es Befürchtungen, dass es eine Opioid-Epidemie wie in den USA geben könne.
Der Kampf gegen den neuen globalen Drogenhandel sei mühsam und zäh, sagt Walsh. Doch die Kooperation seiner Behörde mit Partnerorganisationen in Mexiko und China zeige erste Erfolge. So trainierten US-Drogenfahnder eine Sondereinheit des mexikanischen Militärs für Einsätze zur Zerstörung illegaler Mohnfelder. In Mexiko wurden ferner mehrere führende Drogenbosse verhaftet, mehr als 300 illegale Labore zerschlagen.
China setzte auf Drängen der USA knapp 150 synthetische Opioide auf die Liste verbotener Substanzen und tauscht sich eng mit den Vereinigten Staaten aus. Gleichzeitig beraten US-Experten chinesische Behörden bei der Entwicklung von Tracking-und Scanning-Technologien zur Prüfung internationaler Paketsendungen.
Auch arbeiten US-Drogenkontrolleure mit dem Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) in Wien zusammen. „Die USA sind zur Zeit am stärksten von der Opioidkrise betroffen“, so Justice N. Tettey, wissenschaftlicher Leiter der UNODC. „Aber jedes Land kann das nächste sein.“ Seine Behörde wolle ein weltweites Frühwarnsystem entwickeln, mit einem engmaschigen Informationsnetz und Laboren rund um den Erdball. Sobald eine neue illegale Substanz aufgegriffen würde, könnte sie zügig identifiziert und anschließend kontrolliert werden.
Doch das liegt in der Zukunft. Bis dahin versuchen Walsh und sein Team jeden Tag, den Wettlauf gegen den globalen Opioidhandel zu gewinnen. Die größte Hürde: Im internationalen Drogenkontrollsystem muss jede Klasse von Drogen – zum Beispiel eine neue Variante von Fentanyl – einzeln geprüft werden. Das koste jedoch Zeit, sagt Walsh und zuckt müde mit den Schultern. „Währenddessen brauen kriminelle Chemiker in rasantem Tempo bereits das nächste synthetische Opioid zusammen, für den immer größeren Rausch.“

© WeltN24 / Katja Ridderbusch