14. September 2017

 

Jüdische Allgemeine

Flucht am Schabbat

Hurrikan Irma: Viele Juden aus Florida fanden Asyl in Gemeindezentren in nördlicheren US-Bundesstaaten

Die Sonne schien noch klar und hell, wenn auch etwas falsch, als Mitarbeiter der Stadtverwaltung von Miami Beach kamen und die pinkfarbenen Kuba-Flamingos in dem kleinen Park, auf den Rachel Levine aus ihrem Wohnzimmerfenster schaut, zusammentrieben. Da wusste Levine: »Es geht bald los. Der große Sturm kommt.«

Irma war nicht der erste Hurrikan, den Rachel Levine und ihr Mann Zadek gesehen haben. Aber die beiden sind immer geblieben, so wie dieses Mal auch. Haben sich eingedeckt mit Wasser, Konserven und Batterien. Sie haben ihre Fenster und Türen mit Sperrholz vernagelt. »Wir würden unser Haus nie im Stich lassen«, sagt die 85-Jährige ein paar Tage später am Telefon, als Irma bereits über Florida hinweg ins Landesinnere gezogen ist. Sie hat den Holocaust überlebt; die Stürme machten ihr keine Angst, sagt sie. Am Freitagabend, als Miami Beach längst zur Geisterstadt geworden war und alle ihre Bekannten geflohen waren, zündeten Rachel und Zadek die Schabbatkerzen an.

 

 

11. September 2017

 

Deutschlandfunk

Was Trump-Wähler wollen

Warum unterstützen so viele Amerikaner Donald Trump? Das hat sich die US-Soziologin Arlie Russell Hochschild schon lange vor seinem Wahlsieg gefragt und ist ins Herz der amerikanischen Rechten gereist.

"These are the forgotten men and women of your country, but they will not be forgotten long..."

Die vergessenen Männer und Frauen Amerikas würden nicht mehr lange vergessen sein, donnerte Donald Trump im Sommer 2016. Und tatsächlich sollte ein beachtlicher Teil der Bevölkerung zwischen Rostgürtel und Golfküste wenige Monate später Trump zum Präsidenten wählen - als Retter aus dem Sumpf der Frustration.

Arlie Russell Hochschild, Soziologin an der Universität von Berkeley in Kalifornien, tut einen mutigen Schritt: In ihrem neuen Buch "Fremd in ihrem Land" wirbt sie um Verständnis, gar Sympathie für jene Menschen, die Trump möglich machten, viele von ihnen weiße, männliche Vertreter der Unter- und unteren Mittelschicht.

 

 
 

12. August 2017

 

Die Welt

Die Crowd als letzte Hoffnung

Selbst gute Krankenversicherungen schützen nicht vor dem finanziellen Ruin. Viele Amerikaner bitten deshalb im Internet um Spenden für die erdrückenden Gesundheitskosten.

Maurice Tanner hat manchmal gute und immer öfter schlechte Tage. Gestern war ein schlechter Tag, sagt er. An schlechten Tagen ist er müde und traurig. Stundenlang sitzt er dann in seinem Schaukelstuhl auf der Holzveranda vor seinem Haus auf dem Land, etwa eine Autostunde südöstlich von Atlanta.

Im April bekam Tanner die Diagnose: Prostatakrebs im fortgeschrittenen Stadium, der Tumor hat ins Knochenmarkt gestreut. Seit Jahren leidet er auch unter Myasthenia gravis, einer neurologischen Erkrankung, die zu Muskelschwäche führt. Außerdem hat er Diabetes und eine leichte Epilepsie.

Tanner, 62, ist krankenversichert, aber einen Teil der Kosten für Untersuchungen, Labortests, Arzt- und Krankenhausbesuche muss er aus der eigenen Tasche begleichen.

Seine Frau Katherine hat deshalb für ihn ein Profil bei der Crowdfunding-Plattform GoFundMe angelegt. Immer mehr Amerikaner bitten Freunde und Fremde im Netz um Spenden, um die ansteigenden Gesundheitskosten zu decken.

 

 

9. August 2017

 

Deutschlandfunk

Martin Luther in Amerika

Nur jeder zweite Protestant in den USA weiß, wer der Reformator eigentlich war, sagt eine Pew-Studie. Welche Bedeutung hat Martin Luther heute im Land der Puritaner?

Der Gottesdienst nähert sich dem Höhepunkt in der Atlanta West Pentecostal Church, einer der größten Pfingstler-Kirchen im Süden der USA. Unter grellem Scheinwerferlicht fegt der Prediger über die Bühne wie ein Rockstar, die Gemeindemitglieder strömen nach vorne, reißen die Arme in die Höhe. Zungenrede, Tanz und Anrufung des Heiligen Geistes: Der Pfingstler-Gottesdienst scheint in Stil und Inhalt weit von dem entfernt, was man gemeinhin mit Martin Luther und der Reformation verbindet.

Martin Luther in Amerika: Nur etwa die Hälfte aller Protestanten in den USA wissen, wer der Reformator wirklich war. Zu diesem Ergebnis kam vor einigen Jahren eine Studie des renommierten Pew-Instituts. Doch wen wundert's. Dieser Luther, der vor 500 Jahren in einer kleinen deutschen Universitätsstadt als Professor wirkte, ist weit weg für jemand, der 2017 in den USA lebt.

 

 

 

 

5. August 2017

 

Deutschlandfunk

Schmerz, Stigma, Schweigen

Jeder dritte Amerikaner nimmt opioidhaltige Schmerzmittel, viele rutschen in die Abhängigkeit. Die Drogen-Epidemie ist längst zu einer politischen Priorität geworden. Besuch in einer Drogenklinik im Bundesstaat Georgia.

Jeden Morgen tritt Patient 279 an das Fenster für die Medikamentenausgabe. Er spricht mit der Krankenschwester über die brütende Hitze, das Baseballspiel vom Vorabend, oder das neue Café am Ende der Straße. Worüber man eben so spricht in einer Kleinstadt wie Chatsworth im nördlichen Zipfel von Georgia. Dann reicht die Schwester ihm ein Fläschchen mit einer giftgelben Flüssigkeit.

Patient Nummer 279 ist opioidabhängig und macht seit Oktober vergangenem Jahres eine Methadon-Ersatztherapie. Er ist eines von vielen Gesichtern einer Epidemie, die seit der Jahrtausendwende in den USA wütet. Mehr als 33.000 Amerikaner starben 2015 an einer Überdosis der Rausch- und Schmerzmittel, heißt es in einem Bericht der Gesundheitsbehörde CDC, mehr als je zuvor. Und die Zahlen steigen weiter.