14. Mai 2017

 

Welt am Sonntag

Die Vampir-Therapie

Hatte Dracula doch recht? Frisches Blut soll das Altern aufhalten, die Geisteskraft stärken, neue Energie schenken. Es muss nur von jungen Menschen stammen. Anti-Aging-Forscher arbeiten daran, einen alten Mythos wahr werden zu lassen.

Von Katja Ridderbusch

Altern ist eine Krankheit, davon ist Joe Lunsford überzeugt. Die Behörden und das Gesundheitssystem sollten sie offiziell anerkennen, mitsamt dieser lästigen Begleiterscheinungen, von Alzheimer bis Knochenschwund. Zum Glück muss Lunsford sich nicht auf das Gesundheitssystem seines Landes verlassen, sondern kann selbst alles dafür tun, dass ihn die Altersseuche nicht erwischt. Es ist höchste Zeit, Lunsford ist 64.

Er lebt in Atlanta und Orlando, jettet ständig quer durch die USA, als Investor für Risikoimmobilien und innovative Technologien. Er redet schnell, ohne Pausen, das sei der Kaffee, sagt er, zu viel, zu stark. Vielleicht ist es aber auch das junge Blut, das Joe Lunsford sich regelmäßig spritzen lässt und das jetzt in seinen Adern brodelt. Seine Vorsorge, sagt er. Und möglicherweise auch sein nächstes großes Geschäft.

Frisches Blut als Elixier ewiger Jugend – diese Idee treibt die Menschen seit Jahrhunderten um, sie nährt Vampir- und andere Mythen. Derzeit erlebt sie eine erstaunliche Wiederkehr, und zwar nicht als Mythos, sondern in Forschungslaboren rund um den Globus.

Zwei Liter Plasma für 8000 Dollar

In China testen Wissenschaftler die Wirkung von jungem Blut auf Schlaganfallpatienten, in Südkorea läuft ein Versuch zum Einfluss von Jungblut auf die Knochendichte. Besonders intensiv aber widmet sich die Forschung in den USA dem Thema. Hier gibt es zahlreiche klinische Versuche zur Wirkung von jungem Fremdblut auf den Körper. Die Ausrichtung der Experimente reicht von streng wissenschaftlich bis klar kommerziell.

Vor allem zwei Studien erregen derzeit Aufmerksamkeit: Der Neurowissenschaftler Tony Wyss-Coray von der Stanford-Universität untersucht die Auswirkungen von Jungblut-Transfusionen auf den Krankheitsverlauf bei Alzheimer-Patienten. Ebenfalls in Kalifornien sitzt das Start-up Ambrosia, das den zweiten, umstritteneren Versuch angestoßen hat. Teilnehmen kann dort fast jeder zwischen 35 und 95 Jahren, ausgeschlossen sind nur Schwangere, Menschen mit speziellen Immundefekten sowie Patienten, die bestimmte gerinnungshemmende Medikamente einnehmen.

Ausgeschlossen sind außerdem alle, die es sich nicht leisten können, zum Versuchspatienten zu werden – die Teilnahme an der Studie kostet 8000 Dollar pro Person. Klinische Versuche, an deren Kosten sich die Teilnehmer beteiligen, sind zwar selten, aber nicht verboten in den USA. Für ihr Geld erhalten die Probanden eine einmalige Gabe von zwei Litern Blutplasma, das ist der flüssige Anteil des Blutes, in dem keine Blutzellen mehr enthalten sind. Das Plasma stammt aus einer Blutbank. Das Wichtigste: Die Spender sind zwischen 16 und 25 Jahre alt.

Stammzellen, Vitamine, Sauerstoff gegen das Altern

Der Firmenname Ambrosia ist der griechischen Mythologie entliehen, er steht für die unsterblich machende Speise der Götter. Entsprechend ehrgeizig sind die Pläne von Gründer Jesse Karmazin: „Im Moment behandelt die Medizin einzelne Krankheiten, die sich mit den Lebensjahren akkumulieren“, sagt er. „Unser Ziel ist es, das Problem an der Wurzel zu bekämpfen, das Altern selbst zu behandeln.“ Dabei gehe es nicht nur darum, dass die Menschen länger leben, „sondern auch, dass ihre Lebensqualität größer ist“.

Karmazin, der selbst erst 32 ist, glüht für diese Idee, seit er sich als Medizinstudent an den Eliteuniversitäten Princeton und Stanford und als Mitarbeiter im National Institute of Aging mit dem Altern beschäftigte. 2016 gründete er Ambrosia und begann seinen Versuch.

Ambrosia ist Teil des neuen, riesigen Anti-Aging-Marktes, der in den USA entsteht. Googles Biotech-Tochter Calico forscht am Prozess des Alterns, Gentechnik-Pionier Craig Venter ist in einem eigens gegründeten Institut dem Langlebigkeits-Gen auf der Spur. Dubiose Stammzellenkliniken schießen aus dem Boden. Ärzte und medizinische Spas bieten Vitamin- oder Sauerstoffinjektionen an – vermeintlich hochwirksame Jungbrunnen-Therapien. Während die Patienten auf die Verjüngung von innen hoffen, geben sie für die Verjüngung von außen mehr Geld aus als je zuvor, 16 Milliarden Dollar zahlten die Amerikaner im Jahr 2016 für Schönheitsoperationen.

Beim Start-up Ambrosia wird das Blut der Probanden vor und nach der Transfusion auf jeweils etwa 100 Biomarker getestet und anschließend verglichen. Biomarker sind messbare biologische Parameter, die auf eine Krankheit hinweisen oder Aussagen zu einem Krankheitsverlauf geben können, von Proteinen wie Hämoglobin, das auf einen gestörten Sauerstoffhaushalt hinweisen kann, bis zu Hormonen wie Leptin, das eine wichtige Rolle beim Fettstoffwechsel spielt.

„Wie ein Ölwechsel“

Mittlerweile haben 65 zahlende Probanden an der Studie teilgenommen, die bis 2018 laufen und 600 Menschen testen soll. „Die ersten Ergebnisse sind bemerkenswert“, behauptet Jesse Karmazin. Die Probanden hätten nach eigenen Aussagen mehr Energie, könnten sich besser konzentrieren und besser schlafen.

Eine Teilnehmerin habe vor der Transfusion etwa Gleichgewichtsstörungen gehabt, die nun behoben seien, und eine andere habe berichtet, die Schmerzen in ihrem Knie seien abgeklungen. „Auch bei den Biomarkern, insbesondere den Entzündungsparametern, haben wir Verbesserungen festgestellt“, sagt er weiter. Ein Patient habe gesagt: „Das ist wie ein Ölwechsel.“ Das Bild gefällt Karmazin gut.

Der Investor Joe Lunsford war einer der ersten Probanden bei Ambrosia. Er habe sich sogar schon mehrfach Jungblut-Infusionen verabreichen lassen, nicht nur im Rahmen dieser Studie. Seit wann und wie oft schon, mag er nicht sagen. „Das wäre zu schräg, zu extrem“, setzt er hinzu. Und nach einer Pause: „Ich habe wahrscheinlich mehr frisches Blutplasma bekommen als irgendwer sonst auf der Welt.“ Lunsford ist nur am Telefon zu erreichen. Zu beschäftigt. Auf Fotos ist er mal blond, mal braun gelockt, man sieht ihm seine 64 Jahre nicht an, er wirkt eher alterslos.

Er läuft vier-, fünfmal in der Woche jeweils fünf Kilometer, macht Krafttraining, geht schwimmen, setzt auf die Mittelmeerdiät, schläft viel. Seine Generation nehme den Tod nicht mehr einfach so hin, sagt er. „Sicher, wir werden irgendwann sterben, aber bis es so weit ist, kämpfen wir darum, möglichst gut zu leben.“

Für Lunsford ist das frische Blut auch eine vielversprechende neue Geschäftsidee, aber er will die Wirkung zunächst an sich selbst testen. Er setzt auf das Blut, weil er an die Wissenschaft glaubt. Er habe auch mit Wachstumshormonen experimentiert, sagt er, und einmal eine Vitamininfusion ausprobiert. In seinem Haus habe er eine Sauerstoffkammer, die er jedoch nur selten benutze. „Diese Therapien haben keinerlei nachweisbaren Nutzen“, sagt Lunsford. Nach den Jungblut-Transfusionen habe er dagegen an sich selbst gemerkt, dass seine Energie zugenommen habe, seine kognitiven Fähigkeiten schärfer geworden seien. Wie sich das genau anfühlt? Das sei schwer zu erklären.

Grausige Mäuseexperimente

Das ist ein Problem – und einer der Gründe, warum viele Wissenschaftler das Projekt mit Skepsis betrachten. „Ich sehe nicht, wie diese Studie in irgendeiner Form informativ oder überzeugend sein könnte“, sagt Matt Kaeberlein, Altersforscher an der Washington University in Seattle. Vor allem die Struktur des Versuchs stößt auf Kritik. Die hohe Gebühr für die Teilnahme, vor allem aber das Fehlen einer Vergleichsgruppe, der ein Placebo gespritzt wird.

„Ich habe nie behauptet, dass dies der perfekte Versuch ist“, sagt Jesse Karmazin. Wenn er einen Sponsor finden würde, der eine randomisierte, Placebo-kontrollierte Blindstudie finanziert, wäre er begeistert. Immerhin begeistert sich inzwischen ein potenzieller, äußerst prominenter Investor für das Thema: Der deutschstämmige Silicon-Valley-Milliardär Peter Thiel hat sein Interesse an Jungblut-Transfusionen bekundet.

Die Hoffnung von Unternehmern wie Jesse Karmazin, aber auch von Forschern wie Tony Wyss-Coray, dass in jungem Blut ein wundersames Heilmittel stecken könnte, beruht auf einer ebenso fesselnden wie fragwürdigen Serie von Versuchen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Es ist eine Geschichte von Mäusen und Menschen, sie beginnt mit den grausigen Experimenten des französischen Zoologen Paul Bert, der Versuchstiere an den Flanken aufschnitt, an den Schnittstellen aneinandernähte – und so die Blutkreisläufe der Tiere miteinander verband. Das Verfahren, die chirurgische Verbindung von zwei Organismen, heißt Parabiose und ist in Deutschland aus tierschutzrechtlichen Gründen seit 30 Jahren nicht mehr erlaubt.

„Das war der Aha-Moment“

In den USA ist die Operation noch gestattet, dort arbeitet der gebürtige Schweizer Tony Wyss-Coray seit Jahrzehnten in der Demenzforschung. Er und sein Team führten einen Parabiose-Versuch mit Mäusen durch und sahen sich dabei vor allem die Blutzirkulation und die Veränderungen im Gehirn der miteinander verbundenen Tiere an. Sie stellten fest, dass das Gehirn der älteren Mäuse, angeregt durch das Blut aus dem Körper der jüngeren, mehr Neuronen ausbildete als zuvor, die Leistung nahm zu.

„Das war der Aha-Moment“, sagt Wyss-Coray. „Uns ist bewusst geworden, dass man das Altern tatsächlich beeinflussen kann, dass man es verzögern und vielleicht sogar zurückdrehen kann.“ Die jüngeren Mäuse seien durch den Blutaustausch mit den älteren übrigens seniler geworden.

In einem nächsten Schritt umgingen die Forscher das Parabiose-Verfahren. Sie sammelten das Blut junger Spendermäuse, injizierten es deren älteren Artgenossen und bekamen die gleichen Ergebnisse. Das Magazin „Science“ bezeichnete die Forschung von Wyss-Coray im Jahr 2014 als Durchbruch des Jahres. Doch nicht alle Wissenschaftler sind überzeugt. Irina Conboy von der Universität Berkeley führte selbst Blutaustausch-Studien mit Mäusen durch – und kam zu weniger stichhaltigen Ergebnissen. „Es gibt keinen wirklichen Beweis dafür, dass die Infusion von jungem Blutplasma den Vorgang des Alterns revidiert“, sagt sie.

„Unsere bisherigen Forschungsergebnisse sind kein Zufallsfund, die sind wiederholbar und real“, entgegnet Tony Wyss-Coray. Aber auch er blieb nach seinen Tierversuchen zunächst skeptisch: Lassen sich die Ergebnisse auf Menschen übertragen?, fragte er sich. „Mäuse und Menschen sind doch sehr verschieden.“

Das Bewusstsein des Großvaters klarte auf

Also gründete auch er 2014 ein Start-up, Alkahest, und begann einen klinischen Versuch. Wyss-Coray testete die Wirkung von Transfusionen von jungem Blutplasma auf Alzheimer-Patienten. 18 Patienten nahmen teil. Über mehrere Monate bekamen sie einmal pro Woche 250 Milliliter Plasma, das von jungen Spendern stammte. Die Alkahest-Studie ist formal strenger angelegt als der Ambrosia-Versuch: Es gibt Kontrollgruppen; auch müssen die Probanden nicht zahlen. „Wir wollen das seriös machen“, sagt Wyss-Coray. Studien wie die von Ambrosia schadeten der Glaubwürdigkeit der Forschung.

Seine eigene Untersuchung ist seit Januar abgeschlossen, Ergebnisse erwartet Wyss-Coray frühestens im August. Doch er erzählt bereits Anekdoten, und die klingen ganz ähnlich wie bei der Konkurrenz von Ambrosia. Eine handelt vom Großvater des Hauptinvestors. Der Geldgeber ist ein Geschäftsmann aus Hongkong. Sein Großvater litt an Demenz und erhielt eine Bluttransfusion. Nicht als Teil der Studie, aus anderen Gründen. Das Bewusstsein des Großvaters habe sich danach deutlich aufgeklart, sagt sein Enkel.

Lag es wirklich am Blut, und wie jung war der Spender? „Was Blut eigentlich ist und wie es funktioniert, wissen wir bis heute nicht bis in jedes Detail“, sagt Tony Wyss-Coray. Und damit wissen die Forscher auch nicht, was sie den Probanden eigentlich injizieren. „Blutplasma ist ein natürlicher Cocktail, der über Millionen von Jahren evolutionär entwickelt wurde.“

Gibt es bald einen Schwarzmarkt für Blut?

Blut habe Hunderttausende Komponenten, darunter Fettsäuren, Zuckerarten, Proteinkomplexe. Der Forscher vermutet, dass das Zusammenspiel bestimmter Proteine im Blut den Alterungsprozess beeinflusst. Er hält es für denkbar, dass junges Blut in Zukunft nicht nur Demenzpatienten helfen, sondern auch positive Effekte bei Leberschäden, Nierenfunktionsstörungen und Herzerkrankungen haben könnte.

Die Infusionen haben Risiken. Einige Forscher befürchten, dass eine regelmäßige Transfusion von jungem Blut die Zellteilung und in der Folge auch die Krebsbildung bei den Empfängern befördere. „Das ist eine berechtige Sorge, und das müssen wir genau beobachten“, sagt Wyss-Coray. Allerdings habe er selbst bei krebsanfälligen Labormäusen bislang keine erhöhte Tumorbildung festgestellt.

Neben der medizinischen Gefahr gibt es ein Risiko, das die ganze Gesellschaft betrifft. Es steigt mit jeder Studie, die einen Nutzen der Infusionen von jungem Blut belegt. Wenn sich der Stoff aus den Körpern junger, gesunder Menschen tatsächlich als wirkungsvoll gegen Alzheimer oder andere Symptome des Alterns erweisen sollte, könnte er schnell zu einer begehrten Ware werden. Aber auch heute schon benötigen Schwerkranke die Transfusionen zu bezahlbaren Preisen. Neben den Schwarzmärkten für Organe und Stammzellen könnte ein Schwarzmarkt für junges Blut entstehen.

© WeltN24/Katja Ridderbusch