26. Juni 2017

 

Deutschlandfunk

Kriegspräsident wider Willen

Mit dem Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg 1917 begann das Zeitalter des amerikanischen Interventionismus. Heute, 100 Jahre später, könnte es mit der Präsidentschaft von Donald Trump enden. Der Historiker Manfred Berg hat eine Biographie von US-Präsident Woodrow Wilson geschrieben, der Amerika in den Großen Krieg führte.

Von Katja Ridderbusch

Am 2. April 1917 trat der amerikanische Präsident Woodrow Wilson vor den Kongress und sagte jene Worte, die heute in keinem Geschichtsbuch fehlen: Die Welt müsse sicher gemacht werden für die Demokratie. Der Eintritt der USA markierte die Wende im Ersten Weltkrieg.

Der Heidelberger Historiker Manfred Berg hat jetzt eine Biographie des Menschen und Politikers geschrieben, der zum Kriegspräsidenten wider Willen wurde. "Woodrow Wilson. Amerika und die Neuordnung der Welt" – so der Titel – räumt mit zahlreichen Vorurteilen und Zerrbildern über den 28. Präsidenten der USA auf.

Thomas Woodrow Wilson wurde 1856 in eine Pfarrerfamilie geboren. Die calvinistische Tradition – die tiefe Frömmigkeit, das strenge Arbeitsethos und der Bildungseifer – prägten Wilsons Persönlichkeit, schreibt Berg. Allerdings:

"Stereotypen wie sittenstrenge Freudlosigkeit und doktrinäre Borniertheit trafen auf die Familie Wilson [...] nicht zu. So entsprach Vater Joseph Wilson keineswegs dem Bild des asketischen Puritaners. Er war für seinen Humor bekannt, erfreute sich der Aufmerksamkeit seiner weiblichen Gemeindemitglieder, rauchte gern Pfeife und Zigarren, trank hin und wieder einen Whisky und spielte Schach und Billard."

Schon früh interessierte sich Wilson für die Politik, studierte zunächst aber Jura, arbeitete als Anwalt und schlug dann die akademische Laufbahn ein. Er wurde Professor und später Präsident der Princeton-Universität.

Späte politische Karriere

Erst mit Mitte 50 bekleidete der Demokrat Wilson sein erstes politisches Amt, wurde 1910 Gouverneur von New Jersey. Zwei Jahre später trat er mit dem Programm der Progressiven Bewegung für die Wahl zum Präsidenten an.

Hier ist einer der wenigen Tonaufnahmen von Wilson aus dem Wahlkampf 1912: "It is in the broad light of this new day that we stand face to face with great questions of right and of justice ..." Die Politik stehe vor Fragen von Recht und Gerechtigkeit, sagte Wilson und plädierte für eine Gesellschaft, die offener für normale Menschen sein müsse.

In seiner ersten Amtszeit setzte Wilson zahlreiche Elemente seiner Reformagenda um - darunter ein Gesetz gegen die Kinderarbeit, die Einführung des Achtstundentages für Eisenbahner und eine Absicherung gegen Arbeitsunfälle. Auch das Zentralbanksystem, die Federal Reserve, sowie die Kartellbehörde entstanden unter seine Ägide. Sie spielen bis heute eine Schlüsselrolle im Wirtschafts- und Finanzsystem der USA. Manfred Berg:

"Insofern war er zunächst einmal ein recht erfolgreicher Präsident. Er war insbesondere auch für einen Intellektuellen durchaus in der Lage, sich in die raue amerikanische Politik zu stürzen und sich dort auch einigermaßen erfolgreich zu bewegen."

Die Vision des Völkerbundes

Doch ist es das Feld der internationalen Politik, das Wilsons historische Rolle prägte: seine berühmte Kriegsbotschaft. Die 14 Punkte, jenes liberal-demokratische Programm, das zur Grundlage der Versailler Verhandlungen wurde. Und seine Vision des Völkerbundes, der ersten zwischenstaatlichen Organisation zur kollektiven Friedenssicherung.

Berg wendet sich gegen die These einiger Forscher, Wilson habe die USA gezielt in den Großen Krieg geführt – aus missionarischem Eifer oder realpolitischem Kalkül.

"Wenn Woodrow Wilson den Ersten Weltkrieg geplant und gewollt hätte, dann hätte er im Mai 1915 die Gelegenheit dazu gehabt, als nämlich ein deutsches U-Boot das britische Passagierschiff Lusitania versenkte. Dabei sind 1200 Menschen ertrunken, darunter 130 Amerikaner. Die amerikanische Öffentlichkeit war darüber empört, es gab laute Stimmen, jetzt sei das Maß voll und man müsse endlich in den Krieg eintreten."

Doch Wilson hielt zunächst an der amerikanischen Neutralität fest. Die USA sollten Schiedsrichter sein, nicht Kriegsherr. Erst als das Deutsche Reich Anfang 1917 den uneingeschränkten U-Bootkrieg wiederaufnahm und mehrere amerikanische Handelsschiffe versenkte, sah sich Wilson unter Zugzwang.

Kompromisslos und selbstgerecht

Über Wilsons Persönlichkeit ist viel geschrieben worden, das wenigste schmeichelhaft. Die meisten Historiker sehen ihn als salbungsvollen und überheblichen Moralisten. Auch Berg betont, wie stark Wilsons Persönlichkeit die Politik beeinflusste.

"Er war schon in der Tat ein Mensch, den eine für viele Menschen nur schwer erträgliche Aura der Selbstgerechtigkeit umgab", räumt Berg ein. "Insbesondere die Klagen über sein Verhalten auf der Friedenskonferenz sind legendär."

So soll der französische Ministerpräsident Clemenceau während der Verhandlungen bemerkt haben: Wenn er mit Wilson rede, dann sei das, als spreche er mit Gott – nur, dass der Allmächtige es bei 10 Geboten belassen habe, während Wilson der Menschheit 14 auferlegt habe.

Auch dass der Versailler Vertrag – und damit Wilsons Lebenswerk, der Völkerbund, am Ende nicht vom US-Senat ratifiziert wurde, lag vor allem daran, dass der Präsident zu keinerlei Kompromiss bereit war.

Das politische Erbe

Dennoch: "Man muss sich vor Karikaturen bei allen Menschen, auch bei Woodrow Wilson hüten", sagt Berg. "Er ist nun einmal einer der Architekten des modernen Amerika. Er hat die USA in die Weltpolitik zu Beginn des 20. Jahrhunderts geführt und der amerikanischen Nation ein zwiespältiges, aber wirkmächtiges Erbe hinterlassen."

Ein Erbe, das von der Gründung der UNO über den Kalten Krieg bis zur Antwort der Staatengemeinschaft auf die Terroranschläge von 9/11 reicht. Das die ideologische Basis für Amerikas Selbstverständnis als Weltpolizist lieferte. Aber auch ein Erbe, das immer wieder isolationistische Gegenreaktionen mobilisierte - angefangen in den 1930er-Jahren, als der Schlachtruf "America First" erstmals salonfähig wurde.

Manfred Berg hat ein äußerst lesenswertes und sehr aktuelles Buch über Woodrow Wilson geschrieben, ein Buch, das informiert, aufklärt und erzählt, ohne zu dozieren. Im Verlauf der Lektüre wird aus dem ein- und zweidimensionalen zunehmend ein dreidimensionales Bild des 28. US-Präsidenten, der die politische Bühne erst spät und unspektakulär betrat – und dennoch Amerika nachhaltig prägte.

© Deutschlandfunk / Katja Ridderbusch