26. Juni 2017

 

Deutschlandfunk

Karitative Kliniken als Lückenfüller

In den USA bereiten sich wohltätige Einrichtungen unterschiedlicher Konfessionen auf einen Ansturm von Patienten vor, die auf kostenlose Behandlung angewiesen sind. Denn sollte die Gesundheitsreform Obamacare tatsächlich gekippt werden, worüber der US-Senat derzeit debattiert, könnten Millionen Menschen ihren Versicherungsschutz verlieren.

Von Katja Ridderbusch

Das Wartezimmer ist voll, jede der 16 Behandlungskabinen ist besetzt. Ob Karies oder Kronen, Wurzelbehandlung oder Weisheitszähne, Gebiss oder Implantat: Hier in der Ben-Massell-Klinik in Downtown Atlanta gibt es Hilfe für fast jedes Zahnleiden. Ein normaler Vormittag - aber keine normale Zahnarztpraxis.

Ben Massell ist eine wohltätige Zahnambulanz, die bedürftige Menschen ohne Krankenversicherung kostenlos behandelt, sagt Direktor Keith Kirshner. Gegründet wurde die Klinik vor mehr als 100 Jahren von einer Gruppe jüdischer Zahnärzte. Sie erhält keinerlei staatliche Zuschüsse, finanziert sich ausschließlich von Spenden jüdischer Hilfsorganisationen, Stiftungen und Philanthropen.  

Die Praxis ist modern eingerichtet; es gibt viel Glas, Holz und helle Farben. 150 Zahnärzte arbeiten hier - je ein oder zweimal im Monat und auf freiwilliger Basis.

"We at Ben Massell are looking to fill the gaps in the safety nets."

Die Klinik versuche, Löcher im sozialen Netz zu stopfen, sagt Kirshner. Etwa 50 Menschen, Juden wie Nichtjuden, werden jeden Tag in der Klinik behandelt.

"Patientenzahlen deutlich angestiegen"

So wie die Patientin, die heute für eine Füllung hier ist.

Sie habe ihren Job verloren und damit auch ihre Krankenversicherung, erzählt sie. In den USA ist die Krankenversicherung an den Arbeitgeber gekoppelt. In der Zahnklinik fühle sie sich gut aufgehoben, sagt sie, und sicher.

"I feel safe. I do."

Ben Massell ist eine von etwa 1.200 rein wohltätigen ambulanten Kliniken in den USA. Bedarf für deren Dienste gebe es immer, sagt Kirshner:

"Während der Rezession vor knapp zehn Jahren sind unsere Patientenzahlen deutlich angestiegen. Seither sind sie weitgehend stabil."

Bedarf wohltätiger Gesundheitsfürsorge übersteigt Kapazitäten

Unter Obamacare, dem Gesundheitsgesetz des ehemaligen Präsidenten, sind gut 20 Millionen mehr Menschen krankenversichert als zuvor. Doch Zahnbehandlungen waren nie Teil des Reformpakets. Deshalb erwartet Kirshner auch keine direkten Folgen für seine Klinik, falls der Kongress Obamacare abschaffen und ersetzen sollte. Dennoch:

"Wir beobachten die Entwicklung genau. Und wir gehen davon aus, dass der Bedarf an wohltätiger Gesundheitsfürsorge insgesamt ansteigen wird."

Der bislang vorliegende Gesetzentwurf zur Revision von Obamacare könnte die Zahl der unversicherten Amerikaner wieder ansteigen lassen.

"We receive over 400 requests a day for new patient services, and we can't come close to meeting that."

Bereits heute bekomme die Zahnklinik etwa 400 neue Patientenanfragen pro Tag, sagt Kirshner - und sein Team könne den Bedarf nicht annähernd decken.

Patienten unterhalb der Armutsgrenze

Ein Problem, das die Mitarbeiter von Mercy Care kennen. Mercy Care - gegründet vom Ordern der Barmherzigen Schwestern und in katholischer Trägerschaft - betreibt mehrere Armenambulanzen in Atlanta. Die größte liegt nur ein paar Meilen von der Zahnklinik entfernt, ein roter Backsteinbau inmitten von niedrigen Lagerhäusern und mit Blick auf vorbeischeppernde Güterzüge.

Mercy Care biete allgemeinmedizinische Versorgung und Vorsorgeuntersuchungen an, sagt Klinikchef Tom Andrews, und außerdem Hilfe bei psychischen Erkrankungen.

Die meisten der rund 95 Patienten, die hier jeden Tag behandelt werden, leben unterhalb der Armutsgrenze, sind unversichert, fast immer arbeits- und häufig auch obdachlos.

"Gesundheitsfürsorge ist ein Menschenrecht"

Anders als die Ben-Massell-Zahnklinik erhält Mercy Care neben privaten Spenden auch staatliche Fördermittel, vor allem aus dem Budget von Medicaid, der Krankenversicherung für Arme. Ein Budget, das unter Obamacare deutlich aufgestockt wurde. Tom Andrews:

"Wir haben mehr als zweieinhalb Millionen Dollar zusätzliche Fördermittel bekommen. Damit konnten wir neue Ambulanzen bauen und über einen Zeitraum von fünf Jahren etwa 30 Prozent mehr Patienten behandeln."

Allerdings: Mit der Gesetzesänderung und den geplanten Budgetkürzungen würden diese Wohltaten wieder versiegen. Zwar sei Mercy Care, so wie andere wohltätige Organisationen auch, politische Wetterwechsel gewohnt. Häufig würden private Spender einspringen und die staatlichen Lücken teilweise schließen. Trotzdem: Gesundheitsversorgung für die Ärmsten dürfe nicht zum Almosen werden, findet Andrews:

"Ich bin der Auffassung, dass Gesundheitsfürsorge ein Menschenrecht ist. Jeder sollte Anspruch auf eine Basisversorgung haben. Viele Politiker, die staatliche Sozialprogramme kürzen wollen, meinen, dass sich private Förderer um die Bedürftigen kümmern sollten. Aber wohltätige Organisationen können nur einen Teil dieser Aufgaben schultern. Es wird bald mehr Unversicherte geben, mehr chronisch Kranke, die nicht angemessen versorgt werden."

"Wir müssen gewappnet sein"

Die Einsparungen könnten Menschen wie Derek treffen, 55 Jahre alt, Diabetiker und seit zwei Jahren Patient bei Mercy Care. Früher war er Lkw-Fahrer.

"I was sick a lot and I faded out of work ..."

Er sein immer öfter krank gewesen, habe mehrere Jobs verloren und seine Versicherung, und dann sei eben ein Problem nach dem anderen gekommen.

"... and then it was problem after problem, just like that."

Jetzt geht es ihm besser, sagt er, und er will sich wieder eine Arbeit suchen.

Eine Geschichte mit - vorläufig - gutem Ausgang. Und damit solche Geschichten keine Einzelfälle bleiben, bereiten sich Andrews und sein Team bei Mercy Care bereits heute auf die kommende Welle bedürftiger Patienten vor.

"Wir haben vor kurzem ein Grundstück neben der Klinik gekauft und werden unser Gebäude erweitern, damit wir in Zukunft noch mehr Patienten behandeln können. Wir müssen gewappnet sein für das, was in den nächsten Jahren passiert."

© Deutschlandfunk / Katja Ridderbusch