28. Juni 2017

 

Der Tagesspiegel

Jenseits der Schmerzgrenze

Es fing an mit einem gestauchten Halswirbel, Patient 279 brauchte Medikamente – und wurde süchtig. Er ist das Opfer einer Epidemie,
 die in den Vereinigten Staaten wütet
 und so viele Menschen an Drogen sterben lässt wie nie zuvor

Von Katja Ridderbusch, Chatsworth

Wenn Patient Nummer 279 an das Fenster für die Medikamentenausgabe tritt und die Krankenschwester ihm ein Plastikfläschchen mit einer leuchtend orangefarbenen Flüssigkeit reicht, dann ist das wie ein kleines, gut eingespieltes Ritual. Ein paar freundliche Worte – über die bleischwere Hitze, die sich wie jedes Jahr ab Juni lähmend über das Land legt. Über das Baseball-Spiel in Atlanta am Abend zuvor, das fast vier Stunden dauerte. Über die Politik im fernen Washington und über die nette Kellnerin, die im Frühstückscafé nebenan arbeitet. Worüber man so redet in Chatsworth, Georgia, einer Stadt mit 4300 Einwohnern unweit der Grenze zu Tennessee.

Patient 279 schüttelt die Flasche, öffnet sie, setzt sie an den Mund, leert sie in einem Zug. „Oh, das schmeckt heute aber besonders süß“, sagt er, und seine Stimme ist laut und lebhaft. „Wie Kool-Aid“, eine Pulverbrause, die in den USA Kultstatus hat. Die Krankenschwester lacht. Bis morgen dann, ruft sie ihm noch nach.

Patient 279 – Anfang 30, groß, schwer, schwitzend, mit Baseballkappe, rotblondem Bart und Bermudashorts – ist drogenabhängig. Im Oktober hat er mit einer Methadon-Ersatztherapie begonnen. Jeden Morgen kommt er hierher, bevor er zur Arbeit fährt. Unter Aufsicht einer Krankenschwester nimmt er 120 Milligramm davon, aufgelöst in Saft oder Zuckersirup. Jeden Morgen, außer sonntags und an Feiertagen. Dann bekommt er eine Dosis für zu Hause.

Patient 279 ist eines von vielen Gesichtern einer Epidemie, die seit der Jahrtausendwende in den Vereinigten Staaten wütet. Das Land scheint überflutet zu werden von den sogenannten Opioiden, einem Sammelsurium verschiedener Substanzen, die eine Sache gemeinsam haben: Sie docken im Gehirn an denselben Stellen an. Heroin gehört dazu, die synthetischen Betäubungsmittel Fentanyl – an einer Überdosis davon starb der Popstar Prince im Frühjahr 2016 – und Oxycodon und Hydrocodon, die allesamt in Schmerzmitteln enthalten sind. Letzteres nahm auch Patient 279, nach einem Autounfall. Seine Drogengeschichte begann mit einem gestauchten Halswirbel.

Mehr als 33 000 Amerikaner starben 2015 an einer Überdosis Heroin oder opioidhaltiger Schmerzmittel, heißt es in einem Bericht der Gesundheitsbehörde CDC – mehr als je zuvor in den USA und mehr als überall sonst auf der Welt. Im Jahr zuvor waren es 29 000. Von 1999 an hat sich die jährliche Zahl der Menschen, die an einer Opioid-Überdosis gestorben sind, mehr als vervierfacht.

Vorläufige Daten für das vergangene Jahr lassen auf einen weiteren Anstieg dieser Zahlen schließen. Drogen-Überdosen sind mittlerweile die häufigste Todesursache bei Amerikanern unter 50 Jahren.

Die Lage könnte noch weiter eskalieren – wenn Präsident Donald Trump sein Wahlversprechen wahr machen und Obamacare, die Gesundheitsreform seines Vorgängers, tatsächlich rückgängig machen sollte. Dem aktuellen Gesetzentwurf des Senats zufolge könnten dann nicht nur 22 Millionen Menschen ihren Versicherungsschutz verlieren, schätzt das unabhängige Budgetbüro des Kongresses. Auch wären Krankenversicherungen nicht mehr wie noch unter Obamacare verpflichtet, die Kosten für Suchttherapie zu erstatten.

In Georgia gibt es etwa 70 ambulante Kliniken, mehr als in allen anderen Bundesstaaten des Südens. Die Klinik in Chatsworth ist vergleichsweise klein; 12 Mitarbeiter sind hier tätig, darunter ein Arzt, drei Krankenschwestern und fünf Sozialarbeiter. Sie betreuen knapp 300 Patienten, die meisten kommen aus dem Norden Georgias, etwa ein Viertel von ihnen lebt in Tennessee, fährt jeden Tag mehr als eine Stunde über die Grenze und zurück.

Anders als die Heroin-Wellen in den 70er und 80er Jahren ist die aktuelle Opioid-Epidemie nicht nur ein Problem der Innenstädte, sondern vor allem auch der ländlichen Gebiete. Viele dieser Regionen sind wirtschaftlich ausgeblutet, haben sich nie von der großen Rezession der Jahre 2007 bis 2009 erholt. In den Staaten des Rostgürtels, insbesondere in Ohio, Michigan und West Virginia, aber auch in einigen Südstaaten ist die Zahl der Opioid-Toten besonders hoch.

Ein Teufelskreis, sagt Magdalena Cerda von der University of California-Davis, die eine Studie über die Opioid-Epidemie auf dem Land geschrieben hat. „Wir haben eine Situation, in der die Menschen besonders verwundbar sind, in der sie sich mit Opioiden behandeln, um den chronischen wirtschaftlichen Stress zu lindern.“

In Chatsworth zum Beispiel. Die Kleinstadt liegt 18 Kilometer östlich von Dalton, bekannt als Teppichhauptstadt der Welt. In der Gegend um Dalton fertigen Hersteller etwa 90 Prozent des weltweiten Bestands an Fußbodenbelägen. Als zahlreiche Fabriken in den vergangenen Jahren geschlossen wurden oder ihre Produktion umstrukturierten, verloren 4600 Menschen ihre Arbeitsplätze.

Nach Chatsworth führt ein vierspuriger Highway ohne Seitenstreifen, der Asphalt hat Risse, rechts und links der Straße liegen Ansammlungen von Fabrik- hallen und verödete Wohncontainer-Siedlungen, dazwischen wuchern sattgrünes Gestrüpp und meterhohe Kudzu-Pflanzen, die sich in Büsche verkeilen und um Bäume winden. Vereinzelt steht auf gerodeten Hügeln eine Kirche mit kleinem Holzturm. In der Ferne glitzert ein runder, stählerner Wassertank in der Sonne.

Die Drogenklinik liegt an der Kreuzung zur Hauptstraße, hinter einer Tank- stelle und einem Parkplatz. Das Klinikgebäude ist ein schlichtes Einfamilienhaus aus Holz, das früher einmal eine Arztpraxis war. Die Fassade ist grau.

Im Wartezimmer sitzen zehn Patienten, ältere und jüngere, Männer und Frauen. Sie starren vor sich hin, schauen ab und zu auf das Display an der Wand, das in roten Ziffern die Nummern der Patienten anzeigt. Debra Murphy, die Klinikchefin, eilt zwischen Wartezimmer, Rezeption und Beratungsräumen hin und her. Sie trägt ein adrettes Kostüm, hat ihre gesträhnten braunen Haare zu einem Dutt gebunden und die Lippen in energischem Rot geschminkt. Der Holzboden unter dem abgewetzten Teppich knirscht bei jedem ihrer Schritte.

Murphy ist seit knapp 30 Jahren in der Suchttherapie tätig. Sie hat in großen Kliniken gearbeitet, in Gefängnissen auf dem Land und in Wohnheimen für drogenabhängige Männer und missbrauchte Frauen. Sie kann bestätigen, was Forscher wie Magdalena Cerda schreiben: dass die Opioid-Krise im ländlichen Amerika ein Teufelskreis ist, eine toxische Spirale aus Stigma, Scham und Schweigen.

Am Anfang steht häufig die Langweile. „Die Leute haben nichts zu tun. Viele haben keine Jobs und kein Geld.“ Die Statistik bestätigt: Jugendliche auf dem Land greifen früher zu Alkohol als ihre Altersgenossen in den Städten. Und wenn Alkohol nicht mehr interessant ist, dann probieren sie eben andere Drogen.

Zum Beispiel Fentanyl und Carfentanyl. Fentanyl kommt üblicherweise vor allem als Narkosemittel zum Einsatz. Es hat ein Suchtpotenzial, das 50 Mal höher ist als Heroin. Carfentanyl dient Veterinärmedizinern zur Betäubung von großen Wildtieren wie Löwen, Elchen und Eisbären – und ist für Menschen in der Regel tödlich.

Manchmal sind ganze Familien opioidabhängig, sagt Murphy. „Die Familienmitglieder konsumieren gemeinsam Drogen, Großeltern, Eltern, Kinder. Das ist ihr Geheimnis, sie haben einen Pakt geschlossen, und keiner darf den anderen verraten.“ Murphy zuckt mit den Schultern. „Das ist schwer aufzubrechen.“

Außerdem: In einer Kleinstadt wie Chatsworth wissen die Leute viel voneinander. „Und deshalb haben viele auch Hemmungen, Hilfe zu suchen“, sagt Patient 279, der nach seiner Methadon-Einnahme noch kurz im Büro von Debra Murphy vorbeischaut. „Weil sie fürchten, dass ihre Sucht dann öffentlich wird.“

Patient 279 arbeitet in Chatsworth. Er hat selbst erfahren, wie die Sucht ein Leben ruinieren kann. „Ich habe zwei Jahre lang in diesem Albtraum gelebt“, sagt er, „ich habe mehrere Jobs verloren, mein Auto, mein Haus, meine Freundin, meinen Hund.“

Es begann mit dem gestauchten Halswirbel. Da es keine Praxis für Physiotherapie in der Nähe gab, blieben nur Medikamente. Zuerst die opioidhaltigen Schmerzmittel Percocet und Hydrocodon, dann das höher dosierte Präparat Opana, das die US-Arzneimittelbehörde FDA mittlerweile vom Markt genommen hat. Nach wenigen Monaten war Patient 279 so weit, dass er die Tabletten zerbröselte und das Pulver schnupfte.

Als sein Arzt sich schließlich weigerte, ihm weitere Schmerzmittel zu verschreiben, besorgte er sich die Pillen dort, wo auch Opioide aus illegalen Laboren angeboten werden, die wohl für die starke Zunahme der Drogentoten verantwortlich sind: auf dem Schwarzmarkt. Bis er nicht mehr konnte, bis all seine Habe verkauft und sein Geld verbraucht war, bis ihm niemand mehr einen Cent lieh und er wusste: Er brauchte Hilfe.

So wie die Geschichte von Patient 279 verlaufen viele Geschichten von Opioid-Abhängigen in Amerika. Auch in der Klinik in Chatsworth sind mehr als die Hälfte der Patienten über Schmerzmittel in die Sucht gerutscht.

Mittlerweile haben die USA beim Konsum verschreibungspflichtiger Schmerzmittel alle anderen Industrieländer abgehängt: Amerika stellt fünf Prozent der Weltbevölkerung – und verbraucht 80 Prozent aller opioidhaltigen Schmerzmittel.

Eine Entwicklung, die Ende der 90er Jahre begann, als die Bundesagentur für Kriegsveteranen Schmerz als fünften, so- genannten Vitalparameter festlegte – neben Blutdruck, Puls, Körpertemperatur und Atmung. Bald wurde daraus eine weithin akzeptierte Norm: Jeder Schmerz solle und könne mit Medikamenten behandelt werden. In den Jahren danach verschrieben Ärzte opioidhaltige Schmerzmittel freizügiger, und Patienten forderten sie selbstbewusster ein.

95 Millionen Amerikaner nahmen im vergangenen Jahr verschreibungspflichtige Schmerzmittel ein, zwei Millionen gelten als von ihnen abhängig.

Der Schmerzmittelboom befördert auch eine neue Welle der Heroinabhängigkeit. Opioidhaltige Medikamente sind teuer, Ärzte unterliegen mittlerweile wieder strengeren Restriktionen, die Beschaffung wird schwieriger. Doch billiges Heroin flutet aus Mexiko und über das Darknet aus China den amerikanischen Markt. Die Droge wirkt ähnlich auf die Rezeptoren des Gehirns wie opioidhaltige Schmerzmittel – und ein Schuss ist schon für zehn Dollar zu haben.

Laura Hardin ist Krankenschwester in der Drogenklinik in Chatsworth. Sie gibt jeden Tag die Medikamente aus und überwacht deren Einnahme. Sie kennt alle Patienten, und zwar von Anfang an. „Wenn sie zuerst kommen, sind sie auf Entzug. Sie fühlen sich elend, sie haben meist alles verloren, ihre Arbeit, ihre Familie, ihre Freunde“, sagt Hardin, die früher im Krankenhaus auf einer Krebsstation und anschließend in einem Pflegeheim arbeitete. Viele brauchten mehrere Anläufe, um die Therapie durchzuhalten, sagt sie. Einige schaffen es nicht.

Hardin ist eine hochgewachsene Frau, blass und mit herben Zügen. Sie und ihre beiden Kolleginnen sehen die Patienten jeden Tag, wenn auch immer nur für ein paar Minuten. „Wir freuen uns mit ihnen, wenn sie von ihren kleinen Erfolgen berichten, wenn sie einen Job gefunden haben oder ihre Kinder wiedersehen dürfen.“ Zwischen ihren großen, ernsten Augen bildet sich eine Falte. „Es ist gut, zu sehen, wenn die Leute wieder ein einigermaßen normales Leben führen.“

Laura Hardin, Debra Murphy und Patient 279 sehen sich nicht als sonderlich politische Menschen. Aber sie alle hoffen, dass der Kongress erkennt, wie dramatisch die Opioid-Krise – und wie wichtig die Rolle von Suchtkliniken ist, vor allem in ländlichen Regionen wie Chatsworth, Georgia.

Patient 279 erwartet, dass er Methadon noch lange einnehmen wird, vielleicht auf unbestimmte Zeit. Wenn seine Krankenversicherung die Kosten in Zukunft nicht mehr übernehmen sollte, dann würde er die Behandlung aus eigener Tasche bezahlen, sagt er, „keine Frage, das ist es mir wert.“ Doch nicht alle Patienten haben diese Möglichkeit. Die Methadon-Ersatztherapie kostet etwa 350 Dollar im Monat, die Behandlung mit Buprenorphin – besonders wirksam bei Patienten, die eine kürzere Abhängigkeitsgeschichte haben – bis zu 600 Dollar.

Patient 279 ist jedenfalls glücklich, dass sein Leben wieder stabil ist, fast so wie vor der Sucht, bis auf das tägliche Ritual der Klinikbesuche. „Alles auf Anfang“, sagt er und lacht. Er hat wieder einen Job, arbeitet bei einer lokalen Radiostation. Er zahlt langsam seine Schulden ab und versucht, sein soziales Netz neu zu knüpfen. Und er erzählt davon, jeden Morgen, wenn er auf dem Display im Wartezimmer seine Nummer sieht, an das Ausgabefenster tritt und die Krankenschwester ihm den Becher mit dem süßen orangefarbenen Saft reicht.

© Der Tagesspiegel / Katja Ridderbusch