20. Juli 2017

 

Jüdische Allgemeine

Löcher im sozialen Netz

In einer Klinik in Atlanta behandeln Zahnärzte ehrenamtlich Patienten, die sich keine Krankenversicherung leisten können

Von Katja Ridderbusch

Auf dem kleinen Parkplatz vor dem einstöckigen, beige-grauen Gebäude an der belebten 14. Straße ist kaum ein Quadratmeter Asphalt frei. Im Wartezimmer sitzen die Patienten dicht gedrängt, auch jede der 16 Behandlungskabinen ist besetzt. Ob Karies oder Kronen, Wurzelbehandlung oder Weisheitszähne, Gebiss oder Implantat: Hier in der Ben-Massell-Klinik in der Innenstadt von Atlanta gibt es Hilfe für fast jedes Zahnleiden. Ein ganz normaler Vormittag – aber keine normale Zahnarztpraxis.

»Bei uns bekommen bedürftige Menschen ohne Krankenversicherung eine kostenlose und hochwertige Zahnbehandlung«, sagt Klinikdirektor Keith Kirshner. Die Dienstleistung der Ben-Massell-Ambulanz, vor 106 Jahren von einer Gruppe jüdischer Zahnärzte gegründet, könnte demnächst noch stärker gefragt sein, als es bereits heute der Fall ist.

US-Präsident Donald Trump hatte im Wahlkampf versprochen, Obamacare, die Gesundheitsreform seines Vorgängers, zügig zu kippen. Doch die politischen Hürden dafür sind höher als erwartet: Zu Wochenbeginn kollabierte der jüngste Gesetz- entwurf zum Ersatz von Obamacare im Senat, doch dürften die Republikaner in einigen Monaten einen erneuten Anlauf nehmen.

SPENDEN Die Ben-Massell-Klinik arbeitet eng mit jüdischen Sozialverbänden in Atlanta zusammen, vor allem mit den Jewish Family & Career Services (JF&CS). Anders als viele allgemeinmedizinische Ambulanzen für Bedürftige erhält die wohltätige Zahnklinik keinerlei staatliche Zuschüsse, sondern finanziert sich ausschließlich durch Spenden jüdischer Hilfsorganisationen wie den Jewish Federations of North America sowie verschiedener Stiftungen und Philanthropen.

Zu den Patienten zählen Juden und Nichtjuden, Schwarze und Weiße, Junge und Alte – rund 4000 Menschen im Jahr, die eines gemeinsam haben: Sie können sich keine Krankenversicherung und keine Zahnbehandlung leisten; fast alle leben unterhalb der Armutsgrenze, sind arbeits- und häufig auch obdachlos. »Wir versuchen, die Löcher im sozialen Netz zu stopfen«, sagt Kirshner. »Wir sind gewissermaßen das Sicherheitsnetz unter dem Sicherheitsnetz.« 150 Zahnärzte und Hygieniker arbeiten hier – manche kommen einmal im Monat, andere auch öfter, und alle auf freiwilliger Basis.

Es gibt elf fest angestellte Mitarbeiter, darunter auch mehrere Sozialarbeiter. Doch das sei viel zu wenig für die Zahl der Patienten, »die hier täglich durch die Tür kommen«, sagt Kirshner, ein Mann mit dunklem Bart, wachen Augen und einem warmen Lachen. Er sitzt in seinem winzigen Büro, durch den schmalen Fensterschlitz dringen milchige Südstaatensonnenstrahlen, auf dem Schreibtisch und den zwei Stühlen für Besucher stapeln sich unbearbeitete Papiere. Das mache ihn nicht mehr nervös, sagt er, er sei es seit Langem gewohnt zu improvisieren.

Ben Massell ist eine von gut 1200 rein wohltätigen ambulanten Kliniken in den USA, die häufig in konfessioneller Trägerschaft sind. Bedarf für deren Dienste gibt es immer, aber er schwankt – je nach politischer, sozialer und wirtschaftlicher Lage. »Während der Rezession vor knapp zehn Jahren sind unsere Patientenzahlen beispielsweise deutlich angestiegen«, sagt Kirshner.

Und auch politische Wetterwechsel sind wohltätige Organisationen, vor allem im Bereich der Gesundheitsfürsorge, seit Jahrzehnten gewohnt. Wenn der Staat sich zurückzieht, springen häufig private Spender ein und versuchen, die Lücken zu füllen.

Zwar ist der Affordable Care Act noch so lange in Kraft, bis der Kongress Obamacare gekippt oder sich auf ein neues Gesetz geeinigt hat –, doch die aggressiven Debatten über die Zukunft des Gesundheitswesens haben bereits heute ihre Spuren hinterlassen. So befinden sich Spenden für die Gesundheitsfürsorge im Aufwind. Nach einer Studie der Indiana University sind sie im laufenden Jahr um bislang 8,5 Prozent angestiegen.

TREND »Es ist gut möglich, dass sich dieser Trend fortsetzt«, sagt Diana Bowser, Gesundheitsökonomin an der renommierten Brandeis University in der Nähe von Boston. Das könne aber nur eine kurzfristige Lösung sein. »Ich bin mir nicht sicher, ob private Spenden die Lücken im Zweifelsfall langfristig ausreichend füllen können.« Denn auch diese Ressourcen seien begrenzt.

Bowser sieht die Argumente marktliberaler Politiker und Gesundheitsexperten, die wohltätigen Kliniken einen festen Platz in der Gesundheitsfürsorge des Landes zuweisen wollen, mit Skepsis. »Es ist ein gefährliches Spiel, sich auf gemeinnützige Organisationen bei der Behandlung der Bedürftigen zu verlassen.« Schließlich sei Gesundheitsfürsorge »ein öffentliches Gut, das für jeden zugänglich sein sollte und bei dessen Verteilung der Staat eine bestimmte Rolle zu spielen hat«, sagt die Ökonomin.

Sollte der Kongress Obamacare, wann auch immer, tatsächlich kippen, »sieht die Zukunft ziemlich düster aus für wohltätige Kliniken und deren Patienten«, sagt Bowser. Die Schlangen vor den Armen-Ambulanzen würden länger werden und die Wartezimmer voller. »Die Qualität der Versorgung wird abnehmen, weil die Ärzte immer mehr Patienten behandeln müssen.« Dennoch: Behandelt werde jeder, auch in Zukunft. »Wohltätige Kliniken weisen niemandem die Tür«, sagt Bowser. »Das ist ihr Geschäftsmodell.«

Auch Keith Kirshner geht davon aus, dass in den kommenden Jahren der Bedarf an wohltätiger Gesundheitsfürsorge insgesamt ansteigen wird. Bereits heute kann seine Ambulanz die Nachfrage nach kostenfreier Zahnbehandlung kaum bewältigen. »Wir bekommen jeden Tag etwa 400 Anfragen von neuen Patienten«, sagt der Klinikchef. »Unser Team kann den Bedarf nicht annähernd decken.«

Die Patienten in der Ben-Massell-Klinik merken allerdings wenig von dem anschwellenden politischen und ökonomischen Druck, dem täglichen Kampf um begrenzte Mittel. Die Zahnarztpraxis ist modern eingerichtet; es gibt viel Glas, Holz und helle Farben. Die Geräte sind auf dem neuesten Stand, häufig gespendet von Medizintechnik-Herstellern aus aller Welt. Hier wird viel gelacht, hier bricht selten Hektik aus, weder bei Ärzten noch bei Patienten.

Auch die Frau, die an diesem Tag für eine Füllung gekommen ist, wartet geduldig auf dem Behandlungsstuhl. Vor drei Jahren habe sie ihren Job verloren, erzählt sie – »und damit auch meine Krankenversicherung«.

Für die Mehrheit der Amerikaner ist die Krankenversicherung an den Arbeitgeber gekoppelt. Versicherungen auf dem freien Markt decken häufig nur eine Basisversorgung ab oder sind kaum erschwinglich, und die staatliche Armenversicherung Medicaid erstattet in vielen Bundesstaaten, so auch in Georgia, Zahnbehandlungen nicht oder nur zu einem winzigen Teil. Obamacare konnte die Versorgungslücke nur teilweise schließen.

In der Ben-Massell-Klinik fühle sie sich gut aufgehoben, sagt die Frau, eine Afroamerikanerin um die 50 mit hellen Augen und schlanken Händen. Hier zogen ihr die Ärzte bereits mehrere Weisheitszähne, behandelten fortgeschrittene Karies, entfernten Zahnstein. Demnächst bekommt sie auch Kronen, darauf freue sie sich, sagt sie, »wenn ich endlich wieder lachen kann, so wie früher«.

Geschichten wie jene dieser Patientin höre man hier oft, sagt Kirshner. Zahnprobleme sind häufig ein Zeichen für tiefer liegende Erkrankungen. Aber der Zustand der Zähne hat auch eine soziale Komponente. Und so könnten die Zahnärzte an der Ben-Massell-Klinik ihren Patienten bisweilen auch helfen, den Teufelskreis der Armut zu durchbrechen, sagt Kirshner – indem sie ihnen ihr Lachen zurückgeben. »Wenn jemand nicht lachen kann, weil ihm mehrere Zähne fehlen oder nur noch verfaulte Stümpfe im Mund stehen, dann ist das eine riesige Hürde auf dem Weg zurück ins Leben«, sagt der Klinikchef. »Bei der Bewerbung um einen Job, beim Gespräch mit Behörden, schlicht: bei der fundamentalen Begegnung mit Menschen.«

Einige hätten nach der Zahnbehandlung tatsächlich wieder eine Arbeit gefunden – und damit auch wieder eine Krankenversicherung bekommen. Das seien wunderbare Erfolgsgeschichten, sagt Kirshner – »auch wenn die Patienten dann manchmal enttäuscht sind, weil sie nicht mehr zu uns kommen können, denn sie sind ja jetzt versichert«.

ENGAGEMENT Doch nicht nur die Patienten, auch die Zahnärzte profitieren von ihrer Arbeit in der wohltätigen Ambulanz. Einer von ihnen ist Bryan Debowsky, ein drahtiger Mann im grünen Polohemd, mit sportlich kurzem Haar und dunkler Hornbrille. Er ist Partner in einer Gemeinschaftspraxis mit mehreren Niederlassungen in und um Atlanta. Seit elf Jahren arbeitet er einmal im Monat in der Ben-Massell-Klinik. »Soziales Engagement war immer wichtig für mich«, sagt er. »Und hier in der Ambulanz kann ich ganz konkret mit dem helfen, was ich gelernt habe: mit meinen Kenntnissen als Zahnarzt.«

Er hält inne, setzt seine Worte behutsam. Das Umfeld in der wohltätigen Klinik sei ein völlig anderes als in seiner privaten Praxis. »Hier geht alles etwas langsamer zu und viel gelassener«, sagt er. Entschleunigt, ohne wirtschaftlichen Druck – und damit vielleicht auch: bewusster. »Hier muss ich nicht mit Versicherungen um die Kostenübernahme feilschen oder mit Patienten über Zuzahlungen und Behandlungsoptionen diskutieren.« Auch wenn er die meisten Menschen nur ein einziges Mal sehe: »Ich habe die Freiheit, mich den Patienten ganz unmittelbar zu widmen.«

Debowsky wird in Zukunft wahrscheinlich noch häufig die Gelegenheit dazu haben, wenn die Zahl der Bedürftigen weiter ansteigen sollte, die in der Ben Massell Dental Clinic in Atlanta Hilfe suchen – an einem ganz normalen Tag in einer nicht ganz so normalen Zahnarztpraxis.

© Jüdische Allgemeine / Katja Ridderbusch