12. August 2017

 

Die Welt

Die Crowd als letzte Hoffnung

Selbst gute Krankenversicherungen schützen nicht vor dem finanziellen Ruin. Viele Amerikaner bitten deshalb im Internet um Spenden für die erdrückenden Gesundheitskosten.

Von Katja Ridderbusch, Atlanta

Maurice Tanner hat manchmal gute und immer öfter schlechte Tage. Gestern war ein schlechter Tag, sagt er. An schlechten Tagen ist er müde und traurig. Stundenlang sitzt er dann in seinem Schaukelstuhl auf der Holzveranda vor seinem Haus auf dem Land, etwa eine Autostunde südöstlich von Atlanta.

Er starrt auf den Kiesweg, das wuchernde Gras, auf den Wohncontainer seines Nachbarn und den grauen Propangastank. An schlechten Tagen fragt er sich, wie lange er sich seine Krankheit noch leisten kann.

Im April bekam Tanner die Diagnose: Prostatakrebs im fortgeschrittenen Stadium, der Tumor hat ins Knochenmarkt gestreut. Seit Jahren leidet er auch unter Myasthenia gravis, einer neurologischen Erkrankung, die zu Muskelschwäche führt. Außerdem hat er Diabetes und eine leichte Epilepsie.

Tanner ist 62, groß, mit grauem Bart, Schlapphut und schlurfenden Schritten. Er ist krankenversichert, aber einen Teil der Kosten für Untersuchungen, Labortests, Arzt- und Krankenhausbesuche muss er aus der eigenen Tasche begleichen.

Letzte Hoffnung für viele Amerikaner

„Wie sollen wir das bezahlen?“, fragt sich seine Frau Katherine, die leise aus dem Dunkel des kleinen Hauses auf die Veranda tritt. Katherine hält einen Stapel mit Rechnungen und Mahnungen in der Hand. Sie setzt sich auf einen Stuhl neben ihren Mann. Da sie nichts unversucht lassen will, hat sie den Rat einer Bekannten aus der Kirche befolgt – und für Maurice ein Profil bei der Crowdfunding-Plattform GoFundMe angelegt.

Crowdfunding-Plattformen sind eher bekannt dafür, von vielen Menschen Geld gegen Zinsen einzusammeln. Es gibt aber auch das Spenden-Crowdfunding: Im Netz werden Freunde und Fremde um Spenden gebeten, um die Arztkosten bezahlen zu können. Für zunehmend viele Amerikaner ist das die letzte Hoffnung geworden, um die ansteigenden Gesundheitskosten zu decken.

Bei den großen Plattformen, neben GoFundMe vor allem YouCaring und Indiegogo, stehen Spendenkampagnen für medizinische Versorgung auf Platz eins.

Von den zwei Milliarden Dollar, die GoFundMe 2016 sammelte, entfielen 930 Millionen auf Gesundheitskosten. Crowdfunding-Plattformen wie HelpHopeLive veröffentlichen ausschließlich Spendenaufrufe zur Finanzierung von Krankheiten und Unfällen.

Obamacare hat nur teilweise geholfen

Medizinisches Crowdfunding ist damit zum Symptom eines Systems geworden, in dem Gesundheitsversorgung kein öffentliches Gut ist. „Viele Amerikaner sehen sich bei einer schweren Krankheit oder nach einem Unfall mit hohen Kosten für die Gesundheitsversorgung konfrontiert“, sagt David Howard, Gesundheitsökonom an der Emory-Universität in Atlanta. „Das ist kein neues Problem, aber Crowdfunding hat es sichtbarer gemacht.“

Obamacare, die Gesundheitsreform des ehemaligen Präsidenten, konnte die Lücken im System nur teilweise schließen. Falls der republikanisch dominierte Kongress das Gesetz doch noch kippen sollte, könnten Millionen Menschen ihren Versicherungsschutz verlieren, und zahlreiche Krankenkassen würden ihre Leistungen weiter einschränken.

Doch nach vier gescheiterten Abstimmungen im Senat sieht es so aus, als würde Obamacare erst einmal in Kraft bleiben. Selbst wenn es so kommt, müssen Amerikaner „Teile ihrer medizinischen Behandlung aus eigener Tasche zahlen“, sagt Gesundheitsökonom Howard. Das sei immer so gewesen in den USA, und das werde auch immer so sein.

Und so bleibt es dabei: Auch wer eine Krankenversicherung hat – sei es über den Arbeitgeber, über den freien Markt, über Medicare oder Medicaid, die staatlichen Programme für Rentner und Arme – muss feststellen, dass sogar gute Policen die anfallenden Leistungen nur teilweise decken.

Drei Monate nach der Diagnose im finanziellen Rückstand

Zuzahlungen, Selbstbehalte, versteckte Sondergebühren für Spezialisten, mit denen die Krankenkassen keinen Vertrag haben – all das kann kräftig zu Buche schlagen.

Wie im Fall von Maurice Tanner. Er und seine Frau sind über Medicare versichert. Doch die Zuzahlungen sind hoch, für jeden Besuch beim Facharzt 45 Dollar, für jedes CT, jedes MRT, für jeden komplexeren Bluttest und jeden Besuch in der Notaufnahme 300 Dollar. In der Notaufnahme ist Tanner häufig, zuletzt vor drei Tagen, da hatte er einen Nierenstein.

Zusammen beziehen die Tanners eine Rente von 2100 Dollar. Maurice hat auf dem Bau gearbeitet, später in einer Fabrik für Grillsaucen. Zuletzt war er freiwilliger Helfer bei der örtlichen Feuerwehr. Katherine war als Schülerlotsin bei der Gemeinde angestellt.

Sie hätten immer bescheiden gelebt, sagt Katherine, waren nur einmal in ihrem Leben im Urlaub, an den Niagara Falls. „Wir wollten nie Schulden machen“, sagt Maurice, aber jetzt, gut drei Monate nach Maurice’s Krebsdiagnose, sind sie mehrere Tausend Dollar im Rückstand. Und ein Ende ist nicht abzusehen.

Tatsächlich ist Krankheit der Hauptgrund für Privatinsolvenz in den USA. Denn Gesundheitskosten, insbesondere für Medikamente und Klinikaufenthalte, liegen in den USA um ein Vielfaches höher als in Kanada und Europa.

Harter Konkurrenzkampf der Spendenwerber

Fundraising war schon immer ein Weg, die finanziellen Folgen von Krankheit und Unfall abzumildern. Vor allem Kirchen und Gemeindezentren engagieren sich mit Benefizaktionen für bedrängte Mitglieder.

„Vor 20, 30 Jahren war es nicht ungewöhnlich, dass in einem Café ein Glas auf dem Tresen stand, in das die Leute ihr Wechselgeld warfen oder ein paar zusätzliche Dollar, um einer Familie aus der Nachbarschaft zu helfen, ihre Arztrechnungen zu bezahlen“, sagt Howard. Charity ist tief verankert im amerikanischen Gemeinwesen.

Auch die Tanners sind in ihrer Kirchengemeinde aktiv, haben ihr Leben lang gespendet, „wann und wie viel wir gerade konnten“, sagt Katherine. „Und Crowdfunding ist genau das Gleiche, nur eben im Internet.“

Vielleicht nicht ganz. Denn: Beim Spendenwerben im Netz regiert ein harter Konkurrenzkampf um die Aufmerksamkeit der Geber. Eine Studie der University of Washington in Bothell über die Mechanismen des Crowdfunding kommt zu dem Ergebnis, dass auf dem Marktplatz der Spendengesuche alles andere als faire Wettbewerbsbedingungen herrschen.

So bekämen jüngere Menschen mit seltenen Erkrankungen, aber Aussicht auf Heilung generell mehr Spenden als ältere mit unheilbaren, unspektakulären Krankheiten. Auch könnten Menschen, die von einem Gesundheitsnotstand schicksalsgleich heimgesucht würden – sei es Krebs, eine genetische Erkrankung oder ein tragischer Unfall – mit mehr Sympathie (und Spenden) rechnen als diejenigen, die sich ihren Zustand vermeintlich selbst zuzuschreiben haben – Suchtkranke zum Beispiel.

Befriedigtes voyeuristisches Bedürfnis

Die Leute seien eher geneigt zu spenden, wenn sie das Gefühl hätten, dass ihre Investition eine positive Wirkung für die Zukunft habe, sagt Howard, dass sie gesellschaftlich „lohnend“ sei.

Vom Crowdfunding profitieren außerdem Menschen, die eine große Familie und ein breites soziales Netz haben. Ein anderer Schlüsselfaktor ist gutes Marketing. GoFundMe gibt seinen Nutzern den Hinweis: „Stellt sicher, dass ihr eine fesselnde Geschichte erzählt.“

Fesselnd ist eine Geschichte, wenn sie möglichst multimedial daherkommt, mit Fotos und Videos und Verlinkungen und Hashtags, mit einer ausführlichen Anamnese, vielen medizinischen Details und regelmäßigen Updates. Je farbiger und dramatischer die Geschichte, desto stärker befriedigt sie auch das voyeuristische Bedürfnis vieler Nutzer – und desto mehr Menschen belohnen die Mühen der Bittsteller mit Spenden.

So wie die Crowdfunding-Kampagne für Baby Purnell aus Massachusetts. Der 13 Monate alte Junge wurde mit einem schweren genetischen Defekt geboren; die Eltern beschreiben die Krankheit als „Alzheimer bei Babys“. 750.000 Dollar wollten sie ursprünglich sammeln – für die Behandlung von Purnell, aber auch für eine Stiftung, die sich der Erforschung der Krankheit widmet.

Sympathie, Sensationslust, soziale Position

Nach gut zwei Monaten sind bereits 720.000 Dollar eingegangen. Das ist selten, denn 90 Prozent der Crowdfunding-Kampagnen erreichen ihre Ziele nicht.

Der Mechanismus des digitalen Spendensammelns – je dramatischer die Geschichte, desto üppiger der Geldsegen – verführt immer wieder zum Betrug oder auch dazu, dass Menschen ihre Notlage aufblähen. Erfolgreiche Kampagne zeigen aber auch: Wer gut schreiben kann, den Umgang mit sozialen Medien beherrscht und Kenntnis im Marketing hat, ist klar im Vorteil.

„Die Ressourcen für medizinische Crowdfunding-Kampagnen werden nach persönlicher Sympathie, Sensationslust, sozialer Position und schlicht: Glück verteilt“, sagt Jeremy Snyder, Gesundheitsexperte an der Simon Fraser University in Kanada, der eine Studie über die ethischen Implikationen von medizinischem Crowdfunding geschrieben hat.

Maurice Tanner erfüllt keines der Kriterien. Sein Profil auf GoFundMe kommt eher karg daher, es erzählt knapp von ihm und dass er so gerne bei der Feuerwehr gearbeitet hat, aber wenig über seine Krankheit und die finanzielle Lage der Familie.

Katherine Tanner hat eine Freundin gebeten, das Profil zu schreiben. „Ich wusste zwar, was ich sagen wollte, aber es kam nicht richtig raus“, sagt sie. „Mein Kopf war einfach leer.“

Jeder Dollar eine Hilfe

Als Spendenziel gab Katherine Tanner 55.000 Dollar an, „ich finde, das ist nicht zu viel bei Krebs.“ In den ersten Wochen gingen gut 2200 Dollar ein, das meiste von Freunden aus der Kirche und der Feuerwehr. Seither tröpfeln die Spenden nur noch spärlich.

Nein, sagt Maurice Tanner, er sei nicht enttäuscht. „Die Leute haben getan, was sie konnten.“ Außerdem sei jeder Dollar eine Hilfe. Die meisten Menschen hätten ja auch ihre eigenen Sorgen, meint Katherine Tanner. Nach einer Pause sagt Maurice Tanner: „Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich das gar nicht gemacht, Fremde um Hilfe bitten.“

Maurice und Katherine Tanner wollen versuchen, ihre Schulden abzuzahlen, jeden Monat ein bisschen. Irgendwie müsse das gehen, sagt Maurice Tanner. Er hat sich vorgenommen, nicht zu viel darüber zu grübeln. Manchmal funktioniert das, an den guten Tagen.

© WeltN24 / Katja Ridderbusch